Samstag, 16. Januar 2010

Nationale Frage im 21. Jahrhundert?

Buchbesprechung: Stefan Bollinger (Hg.); Linke und Nation. Klassische Texte zu einer brisanten Frage

Bereits Ende Oktober erschien ein neuer Band in der Edition Linke Klassiker des Wiener Promedia-Verlags, Titel: Linke und Nation. Als Herausgeber fungiert der bereits durch seine Veröffentlichungen zu Imperialismustheorien und Lenin bekannte Berliner Stefan Bollinger.

Knapp zwei Monate mussten verstreichen, bis ich endlich die Gelegenheit fand, das Buch zu lesen. Durch andere Arbeiten aufgehalten, hatte ich es in der Nacht vom 30. Dezember endlich durch. Noch Schlaftrunken zum Laptop wankend, um die Buchbesprechung zu beginnen, springen mir sofort zwei Meldungen auf BBC ins Auge: „Nordirland: 380kg Bombe nahe Newry entschärft; Schüsse auf Polizeistation in Crossmaglen“ und „Korsika: Brandanschlag auf Hotel in Ajaccio“.

Beide Meldungen kommen nicht überraschend. In Irland hat sich nach den Erschießungen von zwei britischen Soldaten und einem Polizisten Anfang März die Kampagne militanter republikanischer Gruppen intensiviert. Nicht anders die Situation in Korsika nachdem dort im Frühsommer zwei Autobomben vor Polizeistationen explodierten.

Unter dem Einfluss dieser Ereignisse sitze ich nun da und tippe meine ersten zusammenhanglosen Sätze in den Laptop. Früher oder später werden sie schon eine adäquate Buchbesprechung ergeben. Eine Besprechung zu einem Buch das auf den ersten Blick durchaus die Frage aufwirft: Wieso – Wieso ein Buch zur nationalen Frage im 21. Jahrhundert? Was haben Linke mit der nationalen Frage zu tun? Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Osteuropa von einer Welle reaktionären Chauvinismus überflutet. In ländlichen Gebieten der ehemaligen DDR eilt die NPD von Erfolg zu Erfolg. In Südafrika regiert nun der ANC ein korruptes, von Kriminalität überzogenes Land. In Palästina kam die islamische Bewegung Hamas an die Macht. Die LTTE wurde Anfang 2009 geköpft; und Mitte August bekundete die PKK in einer historischen Erklärung, den Kampf für einen kurdischen Nationalstaat zu beenden und stattdessen auf Autonomie innerhalb der Türkei zu orientieren.

Wo sich der säkulare Nationalismus anschickte die Völker zu befreien, ist er gescheitert, mögen manche Beobachter argumentieren. Was geht den Linken die nationale Frage noch an? Nation bedeutet heute Rassismus und Ausgrenzung!

Mit Nichten, erwidere ich! Die nationale Frage ist heute so brennend wie eh und je. In Irland und auf Korsika, um nur zwei Beispiele zu nennen, Kämpfen progressive Bewegungen für einen demokratisch-sozialistischen Nationalstaat. Bitte – progressive Elemente kämpfen für einen Nationalstaat?

Cinnte! Ob der Nationsbegriff nun mit progressiven oder reaktionären Inhalten gefüllt wird, hängt von der gesellschaftlichen Stärke der jeweiligen politischen Lager zusammen; oder anders gesprochen: von der politischen Linken.

Gerade diese Linke hat – besonders in Deutschland und Österreich – in den letzten Jahrzehnten versagt, die Bedeutung der nationalen Frage zu erkennen. So sie dies getan hat, hat sie die falschen Antworten gegeben. Nach 1989 wurde Nationalismus als etwas Rechtes, ja gar als etwas Ffffffffaschistisches abgestempelt. Theoretisch konnte diese Herangehensweise nur ungenügend untermauert werden.

Stefan Bollinger liefert nun eine überfällige Einführung in die Bedeutung der nationalen Frage für linke Bewegungen. In fünf Kapiteln führt der Autor die Leserinnen und Leser durch zentrale Texte von führenden Sozialisten, Kommunisten und Rosa Luxemburgs (der einzigen Frau in der Auswahl).

Nach einer gelungen Einleitung, in dem der Autor eine zu kritisierende, weil schwammige und Illusionen schürende Position zur EU präsentiert, beginnt das Buch mit grundlegenden Texten aus der Zeit der Ersten und Zweiten Internationale.

Die Texte von Luxemburg, Bauer, Gramsci oder der interessante, wenn auch sehr mechanische Beitrag von Josef Stalin bieten zwar einen wertvollen Einstieg in die Lektüre. Die Stärke des Buches liegt aber an der Veröffentlichung weniger bekannter Beiträge wie jenen in den beiden Schlussabschnitten zu „Linke Nationalisten“ und „Deutscher Sonderfall“.

Der Text von Harry Haywood zur Schwarzen Nation in den USA ist im deutschsprachigen Raum wohl ebenso weniger bekannt, wie die Rede des jungen Ho Chi Minh am Komintern-Parteitag oder die Debatte nach dem Zweiten Weltkrieg zum deutschen Faschismus, wiedergegeben in Texten von Alexander Abusch und Anton Ackermann.

Großen Dank sei dem Promedia-Verlag dahingehend auszusprechen, dass er es ermöglichte, in der Publikation erstmals Texte von James Connolly in deutscher Sprache zu veröffentlichen. Zwar liegt mit der Publikation von Helga Woggon aus dem Jahr 1990 eine umfangreiche, deutschsprachige Monographie vor. Erst jetzt wurde es aber möglich Texte von James Connolly selbst in die deutsche Sprache zu erhalten.

Die Bedeutung der Schriften des irischen Sozialisten James Connolly zur nationalen Frage liegt auf mehren Ebenen. Connolly war anders als die sozialdemokratischen Theoretiker nicht in den höher entwickelten imperialistischen Zentren von Deutschland oder Österreich-Ungarn politisch aktiv. Seine Anfangsjahre führten ihn nach dem Scheitern seiner politischen Gehversuche in Irland über Schottland in die USA, wo er nach dem Bruch mit der Socialist Labour Party, Mitglied der Wobblys wurde, und schließlich zurück nach Irland.

In den abgedruckten, frühen Schriften schreibt Connolly aus der Sicht eines politischen Aktivisten in Englands ältester Kolonie. Er erlebte die imperialistische Ausbeutung täglich am eigenen Leib.

Aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen als Einwohner einer Kolonie einerseits und der besonderen irischen Verhältnisse andererseits, verband Connolly viele Elemente, die vielen Sozialistinnen und Sozialisten in den imperialistischen Zentren fremd waren und auch heute immer noch sind.

Connolly war nicht nur der führende irische Gewerkschafter seiner Zeit. Er war auch gläubiger Katholik, Mitglied der Republikanischen Bewegung, als diese noch nicht-sozialistische Ziele verfolgte (in den Anfangsjahren von Sinn Féin verfolgte ihr Gründer Arthur Griffith das Ziel eine englisch-irischen Doppelmonarchie nach österreichisch-ungarischem Vorbild) und baute seine Gewerkschaftsmiliz, die Irish Citizens Army, zu einer schlagkräftigen Armee aus, die den Dubliner Aufstand von 1916 mitführen sollte.

Welchen Einfluss die Schriften der irischen Republikanischen Bewegung auf andere kolonialisierte Völker hatten, zeigt das Beispiel eines anderen abgedruckten Autors, Ho Chi Minh. Als junger Tellerwäscher in Paris las er die Schriften von Terence MacSwiney. Als dieser im Hungerstreik starb beendete Minh gar sein Arbeit, um zu seinem Begräbnis zu gelangen. (Auch der spätere indische Präsident Nehru berichtet in seinen Memoiren, jene Schrift, die ihm am meisten inspiriert habe, sei MacSwineys Prinzipien der Freiheit gewesen.)

Als ich zum Ende der Buchbesprechung komme, schalte ich nochmals auf BBC zurück. Da schallt wie auf Befehl Pádraig Mórs Version von The Fighting Men of Crossmaglen aus dem Musikspieler. Ich warte das Ende des Liedes ab. Als nächstes folgte die Ballade Patriot Game.

„They soon made me part of the patriot game“, singt der kürzlich verstorbene Liam Clancy im Refrain. Die im Band gesammelten Texte von Mao Zedong und James Connolly machen es nachvollziehbarer, warum heute ein irischer Sozialist auch ein irischer Patriot ist.

Und so überzeugen mich die Worte aus Liam Clancys Gesang abermals. Stefan Bollingers Buch ist nicht nur eine lange überfällige Einführung in die nationale Frage, sondern es birgt auch für mit der Thematik vertraute Leserinnen und Leser ausreichend interessanten Lesestoff. Sozialismus und Nationalismus sind keine entgegen gesetzten Pole – der Nationalismus muss von Sozialistinnen und Sozialisten nur als integraler Bestandteil des Freiheitskampfes verstanden werden. Es kann nur gehofft werden, dass der Band eine notwendige Debatte zur nationalen Frage innerhalb der politischen Linken in Österreich und Deutschland anstößt.

Nichtsdestotrotz sei als negativer Aspekt anzumerken, dass die Texte leider mit dem Jahr 1948 enden. Es ist zu hoffen, dass der Promedia-Verlag einen nachfolgenden Band der Edition der fortgesetzten Debatte in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts widmet.

Stefan Bollinger: Linke und Nation. Klassische Texte zu einer brisanten Frage
ISBN 978-3-85371-302-0, br., 192 S., 12,90 Euro, 23,50 sFr.


Irish Republican Correspondent, Mi na Eanáir 2010

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